A une peinteuse morte
Wer dich nicht gekannt hat, schüttelt den Kopf über den Humor, mit dem du den Piloten gefagt hast, ob er dich nun zum Probegucken mitnehmen würde. Mit brüchiger Stimme hattest du das in die Stille hinein gefragt, lange vor dem Surren der Rotorblätter und dennoch: Man musste die Worte mehr von deinen Lippen lesen, als dass sie hörbar gewesen wären.
Die Enttäuschung war dir anzusehen, denn so festgeschnallt konntest du überhaupt nichts erkennen, ausser einem kleinen Stück blauen Himmels über dir. Deiner ganz eigenen kruden Logik folgend, nach der du den kranken Körper mit einer abgewrackten Karosse zu vergleichen pflegtest, gingst du über zum Probeliegen in dieser weißroten Wolke aus knatterndem Blech.
Oh, du hast dir Zeit gelassen mit deinem Probeschlaf. Die Wolke hatte dich längst abgeregnet und die weiße Meute war mit polierten Werkzeugen deiner Biomechanik zu Leibe gerückt. Nach drei Stunden fuhren sie dich hinaus und es erinnerte an eine Probefahrt, weil sie dich später wieder herein holten, wieder hinaus fuhren, nur um dich tags darauf noch einmal genau zu inspizieren. Es war kein Feintuning, das sie deinem ehedem zarten Körper angedeihen ließen, nein, sie schwitzten bei ihrer Arbeit. Kaum hatten sie eine Stelle geschnitten, geheftet, genäht, brach etwas anderes auf, drohte ein weiteres Organ zu kollabieren, und alles begann von vorn.
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Manu
Warum ich als Spanier noch nie in Spanien war? Eine lange Geschichte, Agnès. Ich war schon in Spanien, aber als Kind, lange her das alles.
Manu entkorkt eine Flasche Bordeaux und gießt unsere Wassergläser randvoll. Er prostet uns mit der Flasche zu und nimmt einen tiefen Schluck, holt mit pfeifender Lunge so tief er kann Luft, dann beginnt er zu erzählen:
Anfang der 60er Jahre kamen 3 Spanier nach Paris, sie stammten aus dem Barrio Santa Cruz in Sevilla. Wie viele Spanier damals suchten sie ihr Glück in Créteil, dort wo die dicken fetten Fabriken stehen und die damals so begehrten und luxuriös ausgestatteten Betonburgen.
García und Juan, zwei Brüder und Manolo, mein Vater, ihr bester Freund.
Den beiden war das Leben im Autowerk und der Feierabend mit Familie zu hause wie auf den Leib geschrieben, mein Vater war da ganz anders.
Er trieb sich in Studentenkreisen herum und lernte dort Eve-Marie, meine Mutter kennen. Eine gnadenlose Liebe, wie García es mal genannt hat. Du kannst es dir sicher schon denken: Der gute Manu war schneller unterwegs, als ein Blatt benötigt, um vom Baum zu fallen. Meine Mutter -einzige Tochter- wurde von meinem Großvater, er war damals ein Hohes Tier in der Pariser Verwaltung, verstoßen, weil sie sich mit dem ''Zigeuner'' eingelassen hatte.
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Republique
Mein Revier liegt im 3. Arrondissement, wo ich in Hinterhofkneipen und Kellergewölben die Seele satzweise zu Markte trage. Manchmal auch in einem schäbigen Antiquariat, zwischen Wand und Ecke gezwängt, dort wo der Staub der Großväter am dicksten auf den Regalen liegt.
Oder zweimal die Woche bei den Freunden in der Rue Amelot, zwischen zwei schwarz-roten Fahnen und den angepinnten Durchhalteparolen eines vergessenen Spanischen Sommers. Der Kaffeefilter, an drei Stellen geklebt, der dabei herumgereicht wird: An guten Tagen reicht sein Inhalt für die halbe Wochenmiete, aber gute Tage sind selten bei denen, die kommen, um die Misere zu teilen. Die zwei sehr guten Tage im Monat sind die, an denen Agnès dem Harmonium die Pedale in seine wurmstichigen Bretter rammt. Gefolgt von dem Ritual, wenn wir die Nacht und die darauf folgenden zwei Tage bei Manu einläuten.>
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